Egidio
Regulierungsdossier · aktualisiert am 26.07.2026

Chat Control: Wo der Text wirklich steht

„Chat Control“ bezeichnet ein Vorhaben für eine europäische Verordnung zur Bekämpfung der Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen von Kindern im Internet. Die öffentliche Debatte fasst das oft in einer irreführenden Abkürzung zusammen. Hier steht, was der Text wirklich vorsieht, wo die Verhandlungen stehen, und warum die Antwort von keinem zukünftigen Gesetz abhängt.

📍 Stand 26. Juli 2026: Die Ablehnung des freiwilligen Scannens scheiterte am 9. Juli 2026 (314 Stimmen für die Ablehnung, 276 dagegen, 17 Enthaltungen — 47 Stimmen unter der erforderlichen absoluten Mehrheit von 361). Praktische Folge: Die vom Rat am 26. Juni 2026 neu aufgelegte Regelung bleibt bis April 2028 in Kraft, vorbehaltlich der förmlichen Zustimmung des Rates, die innerhalb von drei Monaten erwartet wird (~9. Oktober 2026). Dies ist nicht die dauerhafte Verordnung („Chat Control 2.0“), die separat weiterverhandelt wird.

Was der Text vorsieht

Die in Brüssel diskutierte Verordnung würde digitale Plattformen verpflichten, das Missbrauchsrisiko auf ihren Diensten zu bewerten, Schutzmaßnahmen einzuführen und verdächtige Inhalte an eine dafür vorgesehene europäische Stelle zu melden, das „EU Centre“. Die aufeinanderfolgenden Fassungen des Textes sahen mehrere Erkennungstechnologien vor: den Perceptual Hashing (Vergleich digitaler Fingerabdrücke von Bildern mit einer Datenbank bereits identifizierter Inhalte, ein Verfahren nahe an PhotoDNA), maschinelles Lernen zur Erkennung neuer, bisher unbekannter Bilder, sowie Sprachmodelle zur Erkennung von Grooming-Gesprächen (Annäherungsversuchen an Minderjährige).

Quelle: Wikipedia, „Chat Control“, abgerufen am 21.07.2026 — belegte Zusammenfassung der offiziellen Texte und der Presseberichterstattung.

Der entscheidende Punkt: Wohin die Information geht

Eine von diesem System erzeugte Meldung bleibt nicht auf dem Gerät der Nutzerin oder des Nutzers. Sie geht über ein dediziertes Meldesystem an das EU Centre, wo Personal bewertet, ob die Meldung begründet ist, bevor sie gegebenenfalls an Europol und anschließend an die nationalen Polizeibehörden weitergeleitet wird. Das ist der zentrale Punkt, den es zu verstehen gilt — nicht die Frage, ob die Analyse „auf dem Gerät“ oder „in der Cloud“ stattfindet, sondern die Frage, was mit dem Ergebnis dieser Analyse geschieht.

Die jüngste Chronologie

Nov. 2025
Der Rat der EU verabschiedet eine Verhandlungsposition, die die verpflichtenden Erkennungsanordnungen aus dem Text streicht.
Wikipedia, „Chat Control“.
Dez. 2025 – Juni 2026
Trilog-Verhandlungen zwischen Parlament, Rat und Kommission. Die Frage der Erkennung bleibt Ende Juni 2026 ungeklärt.
Wikipedia, „Chat Control“.
26. Juni 2026
Der Rat der EU legt den am 4. April 2026 ausgelaufenen Text in einer als neu präsentierten, inhaltlich identischen Form über ein beschleunigtes zweites-Lesung-Verfahren neu auf.
The Register, 09.07.2026.
9. Juli 2026
Das Parlament stimmt mit 314 Stimmen für die Ablehnung des Scannings, 276 dagegen, 17 Enthaltungen — die erforderliche absolute Mehrheit (361) wird um 47 Stimmen verfehlt. Die Ablehnung scheitert, die Regelung läuft standardmäßig weiter.
EU Perspectives · The Register, 09.07.2026.
Ende-zu-Ende-Verschlüsselung
Ein Änderungsantrag, der Ende-zu-Ende-verschlüsselte Messenger (WhatsApp, Signal, Telegram) vom Anwendungsbereich des freiwilligen Scannens ausnimmt, wurde separat vom Hauptvotum mit absoluter Mehrheit angenommen.
Euronews, 10.07.2026.
April 2028
Ablaufdatum der so verlängerten freiwilligen Scan-Regelung, oder bis zur Verabschiedung einer dauerhaften Verordnung („Chat Control 2.0“), sollte diese vorher zustande kommen.
The Register, 09.07.2026.

Der Text muss noch die förmliche Zustimmung des Rates der Europäischen Union erhalten, der drei Monate Zeit für seine Entscheidung hat (~9. Oktober 2026). Die dauerhafte CSAR-Verordnung, die das Scannen verpflichtend statt freiwillig machen könnte, wird weiterhin separat verhandelt — der letzte Trilog (29. Juni 2026) endete ohne Einigung. Diese Seite wird aktualisiert, sobald sich die Lage weiterentwickelt.

Warum diese Debatte Egidio betrifft, ohne davon abzuhängen

Die europäische Debatte stellt zwei Logiken gegenüber: Kommunikationen analysieren, um illegale Inhalte zu erkennen und sie einer Behörde zu melden, oder die Nutzerin bzw. den Nutzer direkt schützen, ohne irgendetwas an irgendjemanden zu übermitteln. Egidio hat sich immer für den zweiten Weg entschieden — nicht als Reaktion auf Chat Control, sondern weil das seit dem ersten Tag das Gründungsprinzip der App ist. Unabhängig davon, welcher Rechtsrahmen sich in Europa letztlich durchsetzt, ändert sich an der Architektur von Egidio nichts: Nichts von dem, was auf Ihrem Telefon analysiert wird, verlässt es.

EU Centre

Die vom Text vorgesehene europäische Stelle, die die von den Erkennungssystemen erzeugten Meldungen entgegennimmt, bevor sie gegebenenfalls an die Behörden weitergeleitet werden.

Perceptual Hashing

Verfahren zum Vergleich digitaler Fingerabdrücke von Bildern mit einer Datenbank bereits identifizierter Inhalte, ohne das Bild selbst zu übertragen — jedoch mit einer Meldung im Falle einer Übereinstimmung.

Ende-zu-Ende-Verschlüsselung

Kryptografischer Schutz, der sicherstellt, dass nur Absender und Empfänger eine Nachricht lesen können. Durch den Änderungsantrag vom 09.07.2026 vom Anwendungsbereich des freiwilligen Scannens ausgenommen.

🔒 Egidio musste nie auf ein Gesetz warten, um zu schützen, ohne zu übermitteln. Die Details dieser Architektur erklären wir auf unserer Seite Wie wir schützen, ohne zu überwachen.

Häufige Fragen

Ist Chat Control bereits in Kraft?

Die am 4. April 2026 ausgelaufene Regelung zum freiwilligen Scannen wurde vom Rat der EU am 26. Juni 2026 neu aufgelegt. Am 9. Juli 2026 stimmte das Parlament mit 314 Stimmen für die Ablehnung gegen 276 (17 Enthaltungen) — ohne die erforderliche absolute Mehrheit von 361 Stimmen zu erreichen, um 47 Stimmen verfehlt. Die Regelung bleibt somit bis April 2028 in Kraft, vorbehaltlich der förmlichen Zustimmung des Rates innerhalb von drei Monaten. Die strengere, dauerhafte Verordnung wird weiterhin separat verhandelt.

Sind WhatsApp, Signal und Telegram betroffen?

Ein Änderungsantrag, der Ende-zu-Ende-verschlüsselte Messenger vom Anwendungsbereich des freiwilligen Scannens ausnimmt, wurde hingegen angenommen. Stand 21. Juli 2026 sind diese Messenger somit von diesem Teil des Textes ausgeschlossen.

Ist Chat Control dasselbe wie Kindersicherung?

Nein, das sind zwei verschiedene Themen. Chat Control ist ein Vorhaben für eine europäische Regulierung, die illegale Inhalte in den Kommunikationen aller Nutzer erkennen soll. Kindersicherung ist eine individuelle Entscheidung eines Elternteils, die digitale Nutzung seines Kindes zu begleiten. Siehe unsere Seite Schützen, ohne zu überwachen.

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